Meine Märchen


Die mutige Königin
V or langer, langer Zeit lebte auf einer Insel in einem weißen, wunderschönen Schloß eine Königin. Ihr Antlitz leuchtete wie Elfenbein, dass von Rubinen beschienen wurde und ihre Figur war von biegsamer Grazie. Ihre kleine Tochter spielte den ganzen Tag lang fröhlich und ausgelassen im Schlosshof. Der König befand sich mit den Jägern im Wald zur Jagd und wollte erst in zwei Tagen zurück sein. An diesem Abend stieg der schwere Duft von Rosen in den Sclosssaal hinauf. Die Königin saß mit ihrer Tochter an einem Tisch, der in der Nähe des Fensters stand. Sie tranken Jasmintee. Da plötzlich grollte Donner und es zuckten Blitze. Der Himmel verdunkelte sich und der Wind zerrte gewaltig an den Fensterläden. Die Königin fürchtete sich und saß wie erstarrt da, als plötzlich eine Glasscheibe zersprang und die Glasscherben klirrend auf den Boden fielen. Noch ehe sich die Königin besinnen konnte, stürzte ein gewaltiger Adler vom Himmel, ergriff mit den Krallen die Prinzessin und trug sie mit sich in die Lüfte. Die Königin schrie und war ganz außer sich vor Entsetzen. Die Dienerinnen kamen und führten sie in ihr Schlafgemach, dort verviel sie in tiefe Verzweiflung. Dreißig Tage und Nächte weinte die Königin um ihre Tochter. Der König holte die besten Ärzte des Landes herbei, um sie zu heilen. Auch suchte das Heer des Königs das ganze Land nach der Prinzessin ab, doch alle Mühe blieb vergeblich. Da wechselte der Mond sein Gesicht, beschien die Königin freundlich und flüsterte ihr seinen Rat ins Ohr: "Gehe selbst hinaus und suche deine Tochter."

Die Königin ließ sich das Gewand eines Wanderers schneidern und zog gegen den Willen des Königs aus, um ihre Tochter zu suchen. Am Abend des dritten Tages ihrer Wanderung sah sie ein altes, verfallenes Haus zwischen zwei Hügeln hervorragen. Die Müdigkeit überkam sie und sie spürte Hunger. Sie lief auf das Haus zu und klopfte mutig an die Tür. Eine alte Frau mit faltigem Gesicht öffnete ihr. Um die Haare hatte sie ein mit roten Blumen bedrucktes Kopftuch geschlagen. Ihre Hände ruhten auf einem Knotenstock aus Wurzelholz und ihre Stimme klang rauh und scheppernd. "Was willst du hier im Wald?" fragte sie die Königin. Die Königin erzählte ihr von ihrem Unglück und bat die Frau um Hilfe. Die alte Frau goß Erdbeersaft in ein schillerndes Glas und reichte es der Königin.

"Ich kann dir helfen"sprach sie. "Der große Zauberer in Gestalt eines Adlers hat deine Tochter entführt. Er selbst hat keine Nachkommen und er ist alt und muß sterben. So hat er deine Tochter geraubt, um ihr alles beizubringen, was er selbst gelernt hat. Sie soll eine große Zauberin werden."

Die Königin erschrak. "Er hält sie hoch oben in den Bergen in einer Höhle versteckt, manchmal fliegt er mit ihr zu seltsamen Orten und Plätzen, um sie einzuweihen in deren Geheimnisse." "Wie finde ich die Höhle?" fragte die Königin die alte Frau. Die Alte rief ihren schwarzen Kater herbei und sprach: "Er wird dich begleiten und dir den Weg zeigen, folge ihm nur."

Am anderen Morgen folgte sie getreu dem Kater. Da pfiff es in der Luft und ein großer Adler stürzte herab, die Krallen kamen ihrem gesicht gefährlich nahe. In diesem Moment verwandelte sich der Kater in einen großen, schwarzen Panther und mit einem Hieb seiner Pranke riss er dem Adler zwei Federn heraus. Dieser drehte sich dreimal in der Luft und verschwand. Bald kamen sie zu einem dichten Gebüsch, so fest hielten sich die Ranken ineinander, dass sie ein schützendes Dach bildeten. "Schlüpfe nur ins Innere der Hecke, dort wirst du die Elfe des Lichts treffen, sie hilft dir von nun an weiter." Der Kater strich ihr ein paarmal um die Beine und verschwand. Zaghaft betrat die Königin die Hecke und es bot sich ihr ein liebliches Bild. Ein weißer Schwan lag auf einem dichten, hellgrünen Moos. In seinem Gefieder ruhte eine silberne Elfe. Sie schlief und bei jedem Atemzug klirrte ihre Kette aus Kristallen leise. Die Elfe erwachte und schaute die Königin fragend an. "Ich suche meine Tochter, die vom großen Zauberer gefangen gehalten wird." "Schlaf ruhig," sprach die Elfe, "Morgen begleitet dich mein Schwan." Als sie aufwachte stand vor ihr ein teller mit Waldbeeren, und in einem Trichter aus einem großen, grünen Blatt befand sich klares Quellwasser. Nach dem Mahl setzte sie sich auf den Schwan und dieser schwamm mit ihr den Bergbach hinauf. Da plötzlich erschien der Adler wieder. Er riss mit seinen scharfen Krallen den Himmel auf und der Regen ergoss sich wie eine Flut auf die Königin und den Schwan. Der Schwan aber, breitete seine Flügel über die Königin aus und schwamm mit gewaltigen Stößen voraus. Er setzte die Königin dort ab, wo der Bach den Felsen entsprang und verabschiedete sich.

Die Königin sah sich um und entdeckte den Eingang der Höhle. Vor der Höhle lag ein riesiger, grüner Drache. Seine Augen glühten rot und seine Zunge hing gespalten aus seinem Rachen. "Niemand darf die Höhle betreten," schnaubte er. "Die Prinzessin ist mein Kind und ich komme sie befreien," erwiderte die Königin. Sie zog eine lange Nadel aus ihrem Haar und warf sie wie einen Speer in das linke Auge des Drachens. Der schrie und tobte, doch es dauerte nur wenige Augenblicke und er erstarrte zu Stein. Zögernd betrat die Königin die Höhle. Da sah sie ihre Tochter an einem Tisch sitzen und mit Edelsteinen spielen. Die Tochter erkannte die Mutter und wollte schnell zu ihr laufen, doch der gewaltige Adler stellte sich ihr in den Weg.

"Deine Tochter ist mein," sprach er, "bei mir erlebt sie die Welt, bei mir erlernt sie die Zauberei. Sie wird eine große Meisterin und Zauberin werden, denn meine Kraft neigt sich dem Ende entgegen." "Alles gebe ich dir, um meine Tochter zu retten," sprach die Königin.

"Nun," erwiderte der Zauberer, "so gib mir dein Herz, durch dein herzblut werde ich weiter leben und deine Tochter ist frei." Die Königin überlegte und sprach: "Niemand außer meiner Tochter soll mein Herz erhalten, es gehört allein ihr." Bei diesen Worten fielen dem Adler die Federn aus, seine Kraft schwand und er wurde zu Stein. In einer kleinen Öffnung im Fels leuchtete nun ein Ring mit einem blutroten Rubin auf. Die Mutter holte den Ring, gab ihn der Tochter und umarmte diese. Froh und zufrieden machten sie sich auf den Weg zurück ins Schloss.

Dort wuchs die Tochter heran und als sie 25 Jahre zählte, übergaben die Eltern ihr das Königreich. Die Menschen liebten sie, denn mit dem Ring der Erkenntnis an ihrem Finger und der Liebe ihrer Mutter im Herzen regierte sie das Land gerecht und weise, als wäre sie eine große Zauberin.

Die sagenhafte Eva